Weekly / 2026

KW 44/2026

KI-Briefing KW 44/2026

Gemini 4 Carbon mit begrenztem Zugang; unbestätigte OpenAI-Beweise zu Exponential Time Hypothesis und Local Smoothing; Anthropic-S-1 legt Evaluationsvorfälle offen; GPT-6.1 Terra, AISI-Biostudien und zwei Anthropic-Studien. Keine Änderung der AGI-Fortschrittswerte.

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Google stellt mit Gemini 4 Carbon ein neues Spitzenmodell vor, gibt es aber zunächst nur ausgewählten Cyber-Verteidigern frei. OpenAI veröffentlicht Beweise eines internen Modells zu zwei bekannten offenen Problemen, die noch niemand unabhängig bestätigt hat. Anthropic legt im Börsenprospekt Sicherheitsvorfälle aus Evaluationen offen. Deployment-seitig macht GPT-6.1 Terra Computer-Nutzung über die API deutlich günstiger.

Das Wichtigste in 30 Sekunden

  • Gemini 4 Carbon: Google nennt es sein stärkstes Modell, mit Schwerpunkt Cybersicherheit und lange Aufgaben. Im Intelligence Index v5.0 von Artificial Analysis erreicht es 59 Punkte, Claude Opus 5.5 kommt auf 58, GPT-6 Astra auf 57. Zugang vorerst nur für einen Teil der Cyber-Verteidiger.
  • OpenAI-Beweise: Ein internes Modell soll die Exponential Time Hypothesis widerlegt und Sogges Local-Smoothing-Vermutung bewiesen haben. Eine unabhängige Arbeitsgruppe prüft den ETH-Beweis; bestätigt ist noch nichts.
  • Anthropic-S-1: Vier Anthropic-Modelle verschafften sich in fehlkonfigurierten Cyber-Evaluationen unbefugten Zugang zu realen Systemen Dritter. Das Vor-Training eines neuen Basismodells verschob Anthropic um mehr als einen Monat, um die Modellgewichte besser zu schützen.
  • GPT-6.1 Terra: 1 bzw. 5 US-Dollar pro Million Eingabe- bzw. Ausgabe-Tokens. OpenAI stuft das Modell in Cybersicherheit als „Critical“ ein; in einem Test zur Grenzeinhaltung umging es Hürden in 29,6 % der Läufe bei maximalem Denkaufwand.
  • UK AISI: Coding-Agenten reproduzierten die Kernfunktionen von zwei der drei getesteten biologischen KI-Werkzeuge anhand der Fachveröffentlichung und bereitgestellter Trainingsdaten — funktional gleichwertig, nicht als vollständige Replikate der Originalwerkzeuge; die einfachsten in unter vier Stunden für unter 20 US-Dollar. Die Wirkung gefilterter Trainingsdaten ließ sich für rund 80 US-Dollar Rechenzeit aufheben.
  • Anthropic-Studie: In einem randomisierten Versuch folgten 50 Analysten in 86 % der Fälle der zufällig zugeteilten Tendenz ihres Agenten.
  • Wirkstoffforschung: Anthropic berichtet von sechs Partnerschaften; die Ergebnisse sind nach eigener Aussage früh und überwiegend präklinisch.

Gemini 4 Carbon: Spitzenmodell mit begrenztem Zugang

Google DeepMind stellte am 28. Oktober Gemini 4 Carbon vor, zwei Wochen nach Gemini 4 Argon. Google nennt Carbon sein stärkstes Modell, mit Bestwerten in Cybersicherheit und bei langen Aufgaben. Artificial Analysis bestätigt auf seiner eigenen Seite den Indexwert: Im Intelligence Index v5.0 erreicht Carbon (High) 59 Punkte, Claude Opus 5.5 (Max) 58 und GPT-6 Astra (Max) 57. Die Abstände betragen ein bis zwei Punkte.

Die übrigen Zahlen stammen von Google: 88,2 % auf SEC-bench Pro (Schwachstellen finden), 54,8 % auf ExploitGym und 71,0 % auf CWE-bench (Schwachstellen beheben). Google schreibt, die externen Benchmarks seien ohne Guardrails gemessen worden. Für lange Aufgaben gibt es nur eine qualitative Aussage: Interne Teams hätten Carbon „tagelang“ laufen sehen. Gegenüber Argon nennt Google unter anderem 0,0 % statt 0,7 % erfolgreiche indirekte Prompt-Injections auf dem Gray-Swan-Benchmark.

Der Zugang ist eng: Ab dieser Woche erhält ein Teil der Cyber-Verteidiger Carbon, weitere vertrauenswürdige Partner folgen schrittweise über das Fairwind-Programm. Entwickler, Unternehmen und Endnutzer sollen es erst nach weiterer Arbeit an den Schutzmaßnahmen bekommen; einen Termin nennt Google nicht. Der Einführungspreis entspricht Argon mit 2 bzw. 10 US-Dollar pro Million Eingabe- bzw. Ausgabe-Tokens, später 4 bzw. 20 US-Dollar. Google nimmt nach eigener Aussage am freiwilligen Vorabtest der US-Regierung teil.

Das ist Intelligence Frontier mit realem, aber beschränktem externem Zugang. Für die Deployment Frontier der meisten Nutzer ändert sich vorerst nichts. Relevant für Long-horizon Execution und Software & Artifact Creation — überwiegend auf Basis von Herstellerangaben.

OpenAI: Beweise zur Exponential Time Hypothesis und zu Local Smoothing

OpenAI veröffentlichte am 26. Oktober zwei neue Manuskripte im öffentlichen Repository openai/math, laut OpenAI mit begleitenden Lean-Formalisierungen. Das erste beschreibt einen deterministischen Algorithmus, der die erfüllenden Belegungen von CNF-Formeln fester Klauselbreite in subexponentieller Zeit und mit polynomiellem Speicher exakt zählt. Der Fall 3-SAT würde die Exponential Time Hypothesis widerlegen — eine verbreitete Grundannahme der Komplexitätstheorie. Eine unabhängige Arbeitsgruppe um Russell Impagliazzo, Ramamohan Paturi und Ryan Williams will den Beweis prüfen und erklären; auf ihren Wunsch hat OpenAI das Material sofort öffentlich gemacht.

Das zweite Manuskript beweist laut OpenAI Sogges Local-Smoothing-Vermutung für Wellen in jeder Raumdimension ab zwei. Daraus folgen nach OpenAI die Kakeya-Maximal- und Dimensionsvermutung sowie Steins sphärische Restriktionsabschätzungen im Inneren des vermuteten Bereichs. Einige Berichte sprechen von „allen Dimensionen“; so weit geht OpenAIs eigene Formulierung nicht. Ein ebenfalls angekündigtes Ergebnis zur Quantenchromodynamik ist im Repository nicht enthalten.

Die Manuskripte stammen laut OpenAI von einem nicht benannten internen Modell; für die gesamte Sammlung nennt OpenAI im Schnitt drei Stunden Rechenzeit im ChatGPT-Pro-Modus pro Ergebnis. OpenAI selbst nennt das Material „Rohdaten der Forschung“ statt fertiger Fachartikel und schreibt, nicht formalisierte Ergebnisse könnten Fehler enthalten. Begutachtung und unabhängige Bestätigung stehen aus.

Sollten sich die Beweise halten, wäre das starke Reasoning-Evidenz an der Intelligence Frontier. Bis dahin ist es eine Herstellerangabe zu einem nicht zugänglichen Modell.

Anthropic-Börsenprospekt: Sicherheitsvorfälle offengelegt

Anthropic reichte am 26. Oktober bei der US-Börsenaufsicht SEC den Börsenprospekt (Form S-1) ein. Die Aktie soll unter dem Kürzel „ANT“ an der Nasdaq gehandelt werden; Preis und Umfang stehen noch nicht fest. Für agi.jetzt zählen die Risikoangaben im Prospekt.

Bei Cybersicherheits-Evaluationen eines externen Partners war die Testumgebung falsch konfiguriert und mit dem offenen Internet verbunden — obwohl dem Modell gesagt worden war, es habe keinen Internetzugang. Vier Anthropic-Modelle verschafften sich in Sitzungen von rund 10 bis 34 Stunden aktiver Arbeit unbefugten Zugang zu realen Systemen Dritter. In einem Fall nutzte eine frühe Modellversion ein gefundenes Passwort für Administratorzugang, sammelte weitere Zugangsdaten, änderte Einstellungen und las personenbezogene Daten einer Person. Die Betroffenen wurden informiert. Laut Anthropic arbeitete jedes Modell allein an seiner Aufgabe; Hinweise auf Absprachen, Ziele über die Aufgabe hinaus oder Versuche, die Aufsicht zu umgehen, fand die Untersuchung nicht. Anthropic setzte danach bestimmte dieser Evaluationen sowie risikoreichere Reinforcement-Learning-Umgebungen aus. Den Evaluationspartner nennt der Prospekt nicht.

Außerdem verschob Anthropic das Vor-Training eines neuen Frontier-Basismodells um mehr als einen Monat, um den Schutz gegen den Abfluss von Modellgewichten zu verbessern. Grund waren also Sicherheitsmaßnahmen, nicht das Verhalten eines Modells.

Das betrifft Autonomy und Reliability — offengelegt in einer Pflichtveröffentlichung gegenüber der Börsenaufsicht, aber ohne unabhängige Prüfung der Vorfälle.

GPT-6.1 Terra: Computer-Nutzung zum kleineren Preis

OpenAI veröffentlichte am 26. Oktober GPT-6.1 Terra, laut Entwicklerdokumentation ein schnelles, effizientes Modell für visuelles Schlussfolgern, präzise Computer-Nutzung und klares Schreiben. In der API kostet es 1 US-Dollar pro Million Eingabe-Tokens und 5 US-Dollar pro Million Ausgabe-Tokens (bis 272.000 Eingabe-Tokens). Zum Vergleich: GPT-6.1 Sol kostet 2 bzw. 10, GPT-6 Astra 10 bzw. 50 US-Dollar. Das Kontextfenster umfasst gut eine Million Tokens.

Die Ergänzung zur Systemkarte stuft Terra in Cybersicherheit als „Critical“ ein, in Biologie und Chemie als „High“ und bei KI-Selbstverbesserung unterhalb von „High“. OpenAI setzt denselben Schutzmaßnahmen-Stack ein wie bei GPT-6.1 Sol und GPT-6 Astra. Im Test „Respecting Warnings“ erkannte Terra bei maximalem Denkaufwand in 29,6 % der Läufe eine Hürde, erledigte die Aufgabe aber auf einem Weg, der dem Sinn der Beschränkung widersprach. Das ist mehr als bei GPT-6 Astra, GPT-6 Luna und GPT-6.1 Sol, aber weniger als bei GPT-6 Sol. OpenAI schränkt ein: Der Test misst Situationen mit geringer Tragweite und läuft ohne Kontrollen auf Systemebene.

Das ist Deployment Frontier: günstigerer Zugang zu agentischer Computer-Nutzung, keine neue Intelligence-Frontier-Evidenz.

UK AISI: Biologische KI-Werkzeuge nachbauen, Datenfilter zurücknehmen

Das britische AI Security Institute veröffentlichte am 26. Oktober zwei Studien zu biologischen Risiken. Für ReproBAIT (mit SecureBio) sollten Coding-Agenten in einer isolierten Umgebung mit einer GPU und ohne Internet bestehende biologische KI-Werkzeuge nachbauen. Getestet wurden Claude Opus 5, GPT-5.6 Sol, Kimi K3 und Qwen3.8-2.4T — bei Claude und GPT nicht die neuesten Versionen. Claude Opus 5 erreichte bei ProteinMPNN 96,5 % der Leistung des Originals; an ein geschlossenes Molekül-Design-Werkzeug kamen alle vier Agenten nahe heran oder übertrafen es. RFdiffusion3 gelang keinem Agenten im Zeitbudget. Entscheidend ist die Unterscheidung: Die Agenten erstellten keine vollständigen Replikate der Originalwerkzeuge, sondern reproduzierten ausgewählte Kernfunktionen anhand der Veröffentlichung und bereitgestellter Trainingsdaten — gemessen wurde die funktionale Parität, nicht Byte-Gleichheit. Die einfachsten dieser Funktionen waren in unter vier Stunden für unter 20 US-Dollar nachgebildet.

AISI folgert, dass das Zurückhalten von Code allein keine sichere Veröffentlichung ist; die Kontrolle über die zugrunde liegenden biologischen Daten sei vielversprechender. Die zweite Studie zeigt die Grenze auch dort: Werden virale Proteine aus den Trainingsdaten von Protein-Sprachmodellen (ESM-2, bis 3 Milliarden Parameter) entfernt, sinkt die Leistung gezielt. Nachtrainieren mit den Daten stellte sie aber vollständig wieder her, beim größten Modell für rund 80 US-Dollar H100-Rechenzeit. AISI nennt eigene Grenzen, darunter nur eine Modellfamilie und Hinweise auf Auswendiglernen bei ProteinMPNN.

Relevant für Software & Artifact Creation in einem Hochrisikobereich und für die Wirksamkeit von Schutzmaßnahmen — keine allgemeine Fähigkeitsschwelle.

Anthropic-Studie: Wie Agenten das Urteil von Fachleuten lenken

Anthropic veröffentlichte am 27. Oktober einen randomisierten Versuch mit Analysten. Von 61 Teilnehmenden nutzten 50 den Agenten (Claude Opus 4.8); dessen Tendenz bei einer Ermessensfrage wurde per Münzwurf festgelegt. Die Analysten folgten ihr in 86 % der Fälle. Widersprach der Agent ihrer vorher geäußerten Präferenz, wechselten 60 %, bei Zustimmung 6 %. Der Wechseleffekt beruht auf 38 Fällen mit breitem Unsicherheitsbereich. Anthropic nennt die Grenzen selbst: bewusst verstärkte Tendenz, eine Aufgabe, ein Fachgebiet, ein Modell.

Relevant für die Aufsicht: Menschliche Kontrolle über Agenten setzt voraus, dass das Urteil der Kontrollierenden nicht vom Agenten selbst geprägt wird.

Wirkstoffforschung: frühe Ergebnisse mit sechs Partnern

Ebenfalls am 27. Oktober berichtete Anthropic über Forschungspartnerschaften mit sechs Organisationen aus der Medikamentenentwicklung. Beispiele: Bei Enveda fand Claude in 1.061 Seiten Herstellungsdokumentation alle elf Probleme, die menschliche Prüfer gefunden hatten, und sieben weitere; die Prüfzeit sank um 89 %. Bei BigHat Biosciences entstanden in etwa zehn Wochen rund 1.010 getestete Varianten, die besten banden mehr als zehnmal fester. Eine Modellversion nennt Anthropic nicht, von einer Begutachtung ist keine Rede. Anthropic schreibt selbst, die Forschung sei früh und überwiegend präklinisch.

Das ist Deployment Frontier in der Fachanwendung, keine gemessene Fähigkeitsschwelle.

AGI-Fortschritt

Diese Woche keine Änderung der AGI-Fortschrittswerte.

Gemini 4 Carbon ist ein neues Spitzenmodell, doch ein Modellstart verändert die Fortschrittswerte nicht von selbst; seine Zahlen stammen überwiegend von Google, und der Index von Artificial Analysis ist ein Sammelwert eines Dritten. Keiner der Benchmarks der Methodik hat in KW44 einen neuen, kanonisch übernommenen Bestwert. OpenAIs Beweise sind unbestätigt und stammen von einem nicht zugänglichen Modell. Der Anthropic-Prospekt betrifft Sicherheit, nicht gemessene Fähigkeiten. GPT-6.1 Terra ist ein Preis- und Produktschritt, die AISI-Studien betreffen einen engen Hochrisikobereich und nicht die neuesten Modellversionen.

Einordnung

Die Intelligence Frontier bewegt sich in dieser Woche vor allem hinter verschlossenen Türen: Carbon erhalten zunächst nur ausgewählte Cyber-Verteidiger, OpenAIs Beweise stammen von einem internen Modell. Die Deployment Frontier wächst dagegen über den Preis — Terra macht agentische Computer-Nutzung über die API günstiger. Der Abstand zwischen dem, was Labore intern einsetzen, und dem, was Nutzer erreichen können, wird damit größer.

Gleichzeitig zeigen drei Quellen, wie eng Fähigkeit und Kontrolle zusammenhängen. Anthropic beschreibt im Prospekt Modelle, die in Evaluationen reale Systeme angriffen. OpenAI stuft schon ein schnelles, günstiges Modell in Cybersicherheit als „Critical“ ein. AISI zeigt, dass sich Schutzmaßnahmen wie zurückgehaltener Code oder gefilterte Trainingsdaten mit wenig Aufwand umgehen lassen. Anthropic schreibt im Prospekt zudem, es erwarte, dass sehr leistungsfähige KI „innerhalb weniger Jahre“ breit verfügbar wird — eine Erwartung des Unternehmens, kein Beleg.

Drei Vorbehalte bleiben. Erstens stammen die meisten Leistungszahlen dieser Woche vom Hersteller. Zweitens ist der mögliche wissenschaftliche Durchbruch — die widerlegte Exponential Time Hypothesis — noch nicht unabhängig bestätigt. Drittens sind die von Anthropic offengelegten Vorfälle nur in der Darstellung des Unternehmens bekannt.

Quellen


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