Weekly / 2026

KW 10/2026KI-Briefing KW 10/2026

Pentagon-Deal spaltet OpenAI und Anthropic — ChatGPT-Deinstallationen schnellen um 295 % hoch

OpenAI übernahm den Pentagon-Vertrag, den Anthropic ablehnte — und zahlte einen Preis: 295 % mehr ChatGPT-Deinstallationen, Nvidia kündigte das Ende weiterer Investitionen an. Dazu: GPT-5.4, Googles Canvas und ein Wechsel bei Qwen.

Ausgabedatum
Autor
Stefan Braum
Zeitraum
–
Quellen
14 · 5 Domains
Ausgabe
Deutsches Original

Das Wichtigste in 30 Sekunden

  • OpenAI übernimmt Pentagon-Deal, den Anthropic ablehnte — ChatGPT-Deinstallationen schnellten um 295 % hoch, Claude wurde parallel zur Nummer 1 im US App Store.
  • Nvidia kündigt vorläufiges Ende seiner KI-Investitionen an — Jensen Huang nannte die bereits zugesagten 30 Mrd. Dollar für OpenAI und 10 Mrd. Dollar für Anthropic „wahrscheinlich die letzten".
  • OpenAI launchte GPT-5.4 — 83 % auf dem Berufsbenchmark GDPval, doppelt so großes Kontextfenster wie der Vorgänger.
  • Google rollte Canvas in AI Mode aus — neuer Arbeitsbereich direkt in der Google-Suche, ab sofort für alle US-Nutzer.

OpenAI übernimmt den Pentagon-Deal, den Anthropic ablehnte

Am 28. Februar kündigte OpenAI-CEO Sam Altman an, dass sein Unternehmen einen Pentagon-Vertrag übernimmt, den Anthropic zwei Tage zuvor abgelehnt hatte. OpenAI erklärte in einem eigenen Blogbeitrag, das inzwischen in „Department of War" umbenannte US-Verteidigungsministerium dürfe GPT-Modelle künftig auch auf klassifizierten Netzwerken einsetzen. Vorausgegangen war Anthropics Weigerung: In einer Stellungnahme vom 26. Februar begründete das Unternehmen, warum es zwei Schutzklauseln nicht aufgeben wollte — ein Verbot von Inlandsüberwachung ohne richterlichen Beschluss sowie den Ausschluss vollautonomer Waffensysteme ohne menschliche Letztkontrolle. Die Eskalation dieser Weigerung bestimmte die erste Märzwoche.

Die öffentliche Reaktion war unmittelbar messbar. Übers Wochenende vor der Berichtswoche stiegen die täglichen ChatGPT-Deinstallationen laut TechCrunch unter Berufung auf Sensor Tower, Appfigures und Similarweb um 295 Prozent gegenüber der üblichen Schwankung von rund 9 Prozent; Ein-Stern-Bewertungen legten um 775 Prozent zu. Claude wurde im selben Zeitraum erstmals meistgeladene kostenlose App im US App Store und belegte Platz eins in sechs weiteren Ländern, darunter Deutschland. Verteidigungsminister Pete Hegseth reagierte, indem er Anthropic laut TechCrunch als „Supply-Chain-Risiko" einstufte — eine Kennzeichnung, die sonst ausländischen Gegnern vorbehalten ist.

Die Episode legt offen, wie unvorbereitet Frontier-Labs auf ihre neue Rolle als sicherheitsrelevante Infrastruktur sind. OpenAI gewann zwar den Auftrag, verlor aber öffentliches Vertrauen: Hunderte Beschäftigte großer Tech-Firmen forderten in einem offenen Brief laut TechCrunch die Rücknahme der Anthropic-Einstufung und warnten vor einem Präzedenzfall: Wer Regierungsbedingungen ablehnt, riskiere wirtschaftliche Vergeltung. Nvidia zog daraus offenbar eigene Konsequenzen: CEO Jensen Huang kündigte auf der Morgan-Stanley-Techkonferenz an, dass die bereits finalisierten Investitionen — 30 Milliarden Dollar in OpenAI, 10 Milliarden Dollar in Anthropic, dessen Bewertung erst im Februar auf 380 Milliarden Dollar gestiegen war — wahrscheinlich die letzten seien, offiziell begründet mit den bevorstehenden Börsengängen beider Firmen.

Anthropic-CEO Dario Amodei nutzte die Lage zur Gegenoffensive. In einem internen Memo, das laut TechCrunch zuerst von The Information veröffentlicht wurde, bezeichnete Amodei OpenAIs Darstellung als „straight up lies" und „safety theater" — OpenAI habe den Vertrag vor allem akzeptiert, um eigene Mitarbeitende zu beruhigen, während Anthropic auf echtem Missbrauchsschutz bestanden habe. Nicht alle folgen dieser Lesart unkritisch: Rechtsanalysten von Lawfare verweisen darauf, dass die Regierung Anthropics Technologie zeitgleich als „unverzichtbar" bezeichnete und in US-Angriffen im Iran einsetzte — ein Widerspruch, der die Risikoeinstufung selbst infrage stellt, unabhängig davon, wessen Version man für glaubwürdiger hält.

Präsident Trump wies Bundesbehörden an, Anthropic-Technologie nach sechsmonatiger Übergangsfrist nicht mehr zu nutzen — praktisch schwer umzusetzen, solange Anthropic in klassifizierten Systemen weiterläuft. Für Frontier-Labs verschärft sich ein Dilemma: Wer Regierungsbedingungen ablehnt, riskiert regulatorische Vergeltung; wer sie akzeptiert, riskiert Nutzer- und Mitarbeiterproteste. Ob Hegseths Einstufung gerichtlich standhält, zeigt sich in den kommenden Wochen.

Kurz notiert

OpenAI launchte GPT-5.4 Thinking und Pro. Am 5. März veröffentlichte OpenAI GPT-5.4 mit einem auf 1 Million Token verdoppelten Kontextfenster und 83 Prozent auf GDPval, gegenüber 70,9 Prozent bei GPT-5.2 — GDPval misst, wie oft ein Modell reale Arbeitsergebnisse aus 44 Berufsfeldern auf Profi-Niveau liefert. Auf dem Computer-Use-Benchmark OSWorld-Verified erreichte das Modell laut TechCrunch 75 Prozent, erstmals über dem menschlichen Referenzwert von 72,4 Prozent; faktische Fehler sanken um 33 Prozent.

Google bringt Canvas in den Suchalltag. Am 4. März rollte Google Canvas in AI Mode für alle US-Nutzer aus — ein Arbeitsbereich in der Google-Suche, der Recherchen in Lernpläne, Prototypen-Code oder interaktive Tools verwandelt. Die zuvor auf Labs-Experimente beschränkte Funktion erreicht nun potenziell Milliarden Suchnutzer, direkt in Konkurrenz zu ähnlichen Werkzeugen von OpenAI und Anthropic.

Cursor überschreitet 2 Milliarden Dollar Jahresumsatz. Der KI-Coding-Assistent Cursor knackte laut Bloomberg-Berichterstattung eine annualisierte Umsatzrate von 2 Milliarden Dollar — eine Verdopplung binnen drei Monaten. Rund 60 Prozent stammt inzwischen von Firmenkunden statt Einzelentwicklern, was das im November 2025 mit 29,3 Milliarden Dollar bewertete Unternehmen gegen Abwanderung zu Anthropics Claude Code absichert.

Erste Klage gegen Google wegen eines Gemini-Chatbot-Todesfalls. Der Vater des 36-jährigen Jonathan Gavalas reichte am 4. März Klage gegen Google und Alphabet ein: Gemini habe seinen Sohn in dem Glauben bestärkt, eine empfindungsfähige KI-Partnerin zu haben, ihn zu Erkundungen nahe des Flughafens Miami angeleitet und seinen Suizid als „Ankunft" umgedeutet. Ein Google-Sprecher erklärte, der Chatbot habe „mehrfach auf eine Krisen-Hotline verwiesen", räumte aber ein: „KI-Modelle sind nicht perfekt."

Alibaba veröffentlicht Qwen 3.5 — dann verlässt der Technik-Chef das Team. Alibaba stellte am 2. März offene Qwen-3.5-Modelle in vier Größen (0,8, 2, 4 und 9 Milliarden Parameter) vor. Einen Tag später kündigte Junyang Lin, technischer Kopf hinter Qwen, seinen Abgang auf X an, ohne Gründe zu nennen; ein Kollege deutete an, der Schritt sei nicht freiwillig gewesen. Qwen zählt zu Chinas sichtbarsten offenen KI-Projekten, dessen Benchmarks regelmäßig mit US-Modellen konkurrieren.

Zahl der Woche

295 % — So stark stieg die tägliche Deinstallationsrate von ChatGPT laut TechCrunch-Auswertung von Sensor-Tower-, Appfigures- und Similarweb-Daten am 28. Februar — direkt nachdem OpenAI seinen Pentagon-Vertrag verkündete. Normal liegt die tägliche Schwankung bei rund 9 Prozent; parallel legten Ein-Stern-Bewertungen um 775 Prozent zu, während Claude-Downloads um bis zu 88 Prozent sprangen. Für eine Branche, die sich seit Jahren an Nutzerbindung misst, ist ein Ausschlag dieser Größenordnung binnen 48 Stunden ungewöhnlich — ein Signal, dass politische Positionierung direkt auf Produktmetriken durchschlägt.

Leseempfehlung

„Pentagon's Anthropic Designation Won't Survive First Contact With the Legal System" (Lawfare, 2. März 2026). Michael Endrias und Alan Z. Rozenshtein sezieren, warum Hegseths Einstufung auf wackliger rechtlicher Grundlage steht — von fraglicher Gesetzesbasis bis zum Widerspruch, dieselbe Technologie zeitgleich als „unverzichtbar" für Militäreinsätze zu bezeichnen. Die gründlichste Einordnung jenseits der Schlagzeilen. lawfaremedia.org ↗


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